Europa verfügt über Forschung, Talente und technologische Ideen. Trotzdem entsteht wirtschaftliche Wirkung häufig langsamer und seltener auf dem eigenen Kontinent, als es die wissenschaftliche Stärke erwarten lässt. Der geplante European Innovation Act setzt deshalb an den Übergängen an. Genau dort entscheidet sich, ob aus Wissen Anwendung, aus Anwendung ein Geschäft und aus einzelnen Projekten tragfähige Entwicklung wird.
Die zentrale europäische Frage lautet damit weniger, ob es genügend gute Ideen gibt. Sie lautet, was zwischen einer vielversprechenden Forschungserkenntnis und ihrer breiten Anwendung passiert. Unternehmen stoßen beim Entwickeln, Finanzieren und Skalieren neuer Lösungen weiterhin auf Hürden. Jede einzelne kann lösbar wirken. In ihrer Verbindung bremsen sie jedoch den Weg vom Labor in den Markt.
Die Europäische Kommission will mit dem vorgeschlagenen European Innovation Act mehrere dieser Übergänge besser organisieren. Der Vorschlag ist Teil des Competitiveness Compass und zielt auf Wettbewerbsfähigkeit, Wohlstand und technologische Souveränität. Im Mittelpunkt stehen Finanzierung, Technologietransfer, öffentliche Beschaffung und regulatorische Erprobungsräume.
Das ist mehr als ein weiteres europäisches Regelungsvorhaben. In dem Ansatz steckt eine klare Diagnose. Ein innovationsfähiger Wirtschaftsraum entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Akteure und Bedingungen. Forschung allein reicht dafür ebenso wenig wie Kapital, politische Unterstützung oder ein einzelnes erfolgreiches Startup. Wirkung entsteht dort, wo diese Elemente miteinander verbunden werden.
Europas Stärke zeigt sich an den Übergängen
Die Kommission beschreibt ein bekanntes Spannungsfeld. Europa verfügt über substanzielle Forschungsleistungen und technologische Kompetenz. Der wirtschaftliche Nutzen daraus wird jedoch häufig nicht im gleichen Maß in Europa realisiert. Zwischen einer wissenschaftlichen Erkenntnis und einer marktfähigen Anwendung liegen Bewertungen, Finanzierungsentscheidungen, Partnerschaften, Erprobungen und erste zahlende Kunden.
Jeder dieser Schritte bringt eigene Anforderungen mit. Eine Forschungseinrichtung arbeitet unter anderen Bedingungen als ein wachsendes Unternehmen. Kapitalgeber bewerten Risiken anders als öffentliche Auftraggeber. Ein Startup braucht Zugang zu Wissen und Märkten, während ein etabliertes Unternehmen vor allem prüfen muss, wie eine neue Lösung in seine wirtschaftliche Entwicklung passt. Solche Unterschiede sind normal. Problematisch werden sie, wenn zwischen den Akteuren keine belastbaren Verbindungen bestehen.
Genau hier liegt die übergeordnete Bedeutung des Kommissionsvorschlags. Er betrachtet Finanzierung und Transfer nicht als voneinander getrennte Themen. Auch öffentliche Beschaffung und Regulierung erscheinen als Teile derselben Entwicklung. Eine Lösung kann technisch überzeugend sein und trotzdem kaum Verbreitung finden, wenn ihr Wert schwer einzuschätzen ist, das Kapital fehlt, erste Anwendungen ausbleiben oder rechtliche Unsicherheit die Erprobung erschwert.
Für das europäische Innovationsökosystem folgt daraus eine unbequeme Einsicht. Die Qualität einzelner Akteure bestimmt den Erfolg nur teilweise. Entscheidend ist auch die Qualität ihrer Verbindungen. Technologietransfer ist kein automatischer Übergang von Forschung zu Wirtschaft. Er braucht Übersetzungsleistungen, passende Finanzierungsformen und Orte, an denen unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen.
Kapital folgt nicht allein der technischen Qualität
Ein Schwerpunkt des European Innovation Act betrifft den Zugang zu Finanzierung. Vorgesehen ist ein gemeinsamer europäischer Rahmen für die Bewertung geistigen Eigentums. Zusätzlich soll ein digitaler Marktplatz Käufer und Verkäufer von geistigem Eigentum zusammenbringen. Expertinnen und Experten sollen Unternehmen dabei unterstützen, Forschungsergebnisse und technologische Ideen in marktfähige Anwendungen zu überführen.
Hinter diesen Maßnahmen steht ein praktisches Problem. Geistiges Eigentum besitzt für Forschung, Unternehmen und Kapitalgeber nicht automatisch dieselbe Bedeutung. Eine technologische Idee kann wissenschaftlich relevant sein, ohne dass ihr wirtschaftlicher Wert unmittelbar sichtbar wird. Für Investitionen braucht es jedoch eine Einschätzung, die Risiken, Anwendungsfelder und mögliche Märkte verständlich macht. Fehlt diese gemeinsame Sprache, bleibt Kapital vorsichtiger oder erreicht eine Entwicklung erst spät.
Die Kommission beziffert das potenziell zusätzlich mobilisierbare Finanzierungsvolumen auf 10,2 Milliarden Euro pro Jahr. Außerdem erwartet sie administrative Einsparungen von rund 35 Millionen Euro. Diese Zahlen markieren die wirtschaftliche Größenordnung, die in besser verbundenen Bewertungs- und Transferprozessen gesehen wird. Sie ändern zugleich nichts daran, dass Geld allein keine Anwendung erzeugt.
Finanzierung wird wirksam, wenn sie mit unternehmerischer Fähigkeit und Zugang zu relevanten Partnern zusammentrifft. Ein Startup braucht für Wachstum mehr als eine Technologie und eine Bewertung. Es muss die Verbindung zu Kunden, Forschung, erfahrenen Unternehmen und geeigneten Märkten herstellen. Auch für den Mittelstand entsteht Wert erst dann, wenn aus externem Wissen eine tragfähige wirtschaftliche Perspektive wird.
Das kennen wir aus der Arbeit mit Gründerteams. Zwischen einem überzeugenden Prototyp und einem belastbaren Geschäftsmodell liegen oft Gespräche, Prüfungen und Kooperationen, die in keiner technischen Beschreibung sichtbar werden. Ein funktionierendes Innovationsumfeld hilft dabei, diese Übergänge überhaupt zu ermöglichen. Es ersetzt die wirtschaftliche Prüfung nicht. Es macht sie jedoch anschlussfähiger.
Öffentliche Hand und Regulierung werden zu Marktbedingungen
Der zweite große Schwerpunkt des Vorschlags liegt in der öffentlichen Beschaffung von Forschung und Entwicklung. Ein gemeinsamer Ansatz soll mehr Rechtssicherheit schaffen, neuen Technologien einen schnelleren Weg in den Markt ermöglichen und gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsbeschaffungen öffentlicher Auftraggeber aus verschiedenen EU-Staaten erleichtern.
Damit wird öffentliche Beschaffung als Bestandteil von Innovationspolitik sichtbar. Öffentliche Auftraggeber kaufen Lösungen nicht nur ein, sie können auch Nachfrage nach neuen Ansätzen schaffen. Gerade für Unternehmen in frühen oder mittleren Wachstumsphasen kann ein erster belastbarer Anwendungsfall entscheidend sein. Er zeigt, ob eine Entwicklung unter realen Bedingungen trägt, und schafft Referenzen für weitere Märkte.
Die Kommission verbindet den gemeinsamen Ansatz mit zusätzlichen Unternehmensgewinnen und Einsparungen auf Seiten der öffentlichen Hand. Dahinter steht die Erwartung, dass koordinierte Verfahren Ressourcen besser nutzen und neue Lösungen schneller in die Anwendung bringen können. Für Unternehmen bleibt der Zugang zu öffentlichen Märkten dennoch anspruchsvoll. Rechtssicherheit ist eine Voraussetzung. Sie ersetzt weder passende Ausschreibungen noch ein gemeinsames Verständnis davon, welches Problem gelöst werden soll.
Parallel dazu schlägt die Kommission einen europäischen Referenzrahmen für regulatorische Sandboxes vor. Unternehmen und Forschungsteams sollen neue Lösungen unter kontrollierten Bedingungen erproben können, auch in Bereichen, für die noch kein spezifischer europäischer Rechtsrahmen besteht. Solche Erprobungsräume schaffen keine Ausnahme von Verantwortung. Sie können jedoch einen geordneten Umgang mit Unsicherheit ermöglichen.
Das ist für die wirtschaftliche Entwicklung relevant, weil Regulierung häufig erst dann konkret wird, wenn neue Lösungen bereits auf bestehende Regeln treffen. Fehlt ein geeigneter Rahmen für frühe Tests, verlagert sich die Entwicklung leicht in andere Regionen oder bleibt auf Pilotprojekte begrenzt. Ein gemeinsamer europäischer Ansatz könnte hier mehr Vergleichbarkeit schaffen. Seine Wirkung hängt davon ab, ob öffentliche Stellen, Forschung und Unternehmen tatsächlich gemeinsam lernen und Erkenntnisse über einzelne Projekte hinaus nutzbar machen.
Aus europäischer Politik wird regionale Praxis
Der Vorschlag der Kommission bleibt auf europäischer Ebene. Seine Bedeutung zeigt sich jedoch auch regional. Dort, wo Wissenschaft, Mittelstand, Startups und öffentliche Akteure zusammenkommen, werden die Übergänge zwischen Wissen, Kapital, Erprobung und Markt konkret. Eine Region kann über starke Forschung verfügen und trotzdem wirtschaftlich hinter ihren Möglichkeiten bleiben, wenn diese Verbindungen zu selten entstehen.
Für den Technologietransfer bedeutet das eine Verschiebung des Blicks. Im Vordergrund steht weniger die Frage, ob eine Technologie vorhanden ist. Wichtiger wird, ob Menschen und Institutionen ihre jeweiligen Perspektiven miteinander verbinden können. Forschende bringen Wissen ein, Unternehmen kennen Anforderungen und Märkte, Startups entwickeln neue Geschäftsmodelle. Öffentliche Akteure schaffen Anwendungsräume und tragen Verantwortung für Regeln und Beschaffung.
BadenCampus ist ein Ort, an dem solche unterschiedlichen Perspektiven zusammenkommen. Der Wert liegt dabei nicht in einer einzelnen Maßnahme, sondern in der Möglichkeit, aus getrennten Interessen gemeinsame Vorhaben zu entwickeln. Genau diese Verbindungsebene beschreibt auch der European Innovation Act. Europa braucht Strukturen, in denen Wissen bewertet, wirtschaftlich übersetzt, erprobt und über erste Anwendungen hinaus weiterentwickelt werden kann.
Der europäische Rahmen kann dafür Bedingungen verbessern. Er kann Bewertungsmaßstäbe vereinheitlichen, Finanzierung zugänglicher machen und öffentliche Beschaffung sowie regulatorische Erprobung besser koordinieren. Die eigentliche wirtschaftliche Wirkung entsteht jedoch in den Beziehungen zwischen den Akteuren. Sie entscheidet darüber, ob ein gemeinsamer Rahmen genutzt wird oder auf dem Papier bleibt.
Europas Innovationsfähigkeit wird deshalb an mehreren Stellen zugleich geprüft. Forschung muss in wirtschaftliche und gesellschaftliche Anwendung finden. Unternehmen brauchen Möglichkeiten für Wachstum. Öffentliche Institutionen müssen als anspruchsvolle Anwender und verlässliche Partner auftreten können. Zwischen diesen Bereichen darf der Wissenstransfer nicht dem Zufall überlassen bleiben.
Der geplante European Innovation Act macht sichtbar, dass Europas Herausforderung in den Verbindungen zwischen guten Ideen und ihrer Wirkung liegt. Finanzierung, Transfer, öffentliche Beschaffung und regulatorische Erprobung gehören zusammen, weil jede dieser Bedingungen den weiteren Weg beeinflusst. Für Regionen und Innovationsökosysteme entsteht daraus eine klare Bedeutung. Wettbewerbsfähigkeit hängt davon ab, wie zuverlässig aus Wissen gemeinsame Entwicklung und aus Entwicklung wirtschaftliche Anwendung wird.
Quelle: Europäische Kommission, Directorate-General for Communication