Die Innovationsstärke deutscher Unternehmen nimmt ab. Gleichzeitig verbreiten sich digitale Technologien, während grundlegende Neuerungen seltener werden. Dieser Widerspruch verweist auf ein tieferes Problem. Technologische Möglichkeiten allein halten die Dynamik nicht aufrecht. Entscheidend ist, ob Unternehmen Wissen, Kompetenzen und Zusammenarbeit dauerhaft in wirtschaftliche Wirkung übersetzen können.
Die aktuelle Studie „Innovative Milieus 2026“ der Bertelsmann Stiftung zeichnet ein ernüchterndes Bild. Nur noch 13 Prozent der befragten Unternehmen zählen zur innovationsstarken Spitze. 2019 lag dieser Anteil noch bei rund einem Viertel. Zugleich ist der innovationsferne Bereich auf nahezu 40 Prozent gewachsen.
Untersucht wurden 1.146 Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe und industrienahen Dienstleistungen. Innovation betrachtet die Studie dabei umfassend. Es geht um die Wettbewerbssituation, die Unternehmenskultur, vorhandene Kompetenzen, Vernetzung, Organisation und realisierte Ergebnisse. Genau diese Breite ist entscheidend. Innovationsfähigkeit entsteht selten aus einer einzelnen Technologie oder einer isolierten Idee.
Der Befund beschreibt daher mehr als eine zurückgehende Zahl besonders innovativer Unternehmen. Er zeigt, dass Innovation in vielen Unternehmen an strategischer Bedeutung verliert. Das ist für die Wettbewerbsfähigkeit relevant, weil einzelne technologische Fortschritte ihre Wirkung erst entfalten, wenn sie in Strukturen, Zusammenarbeit und Geschäftsmodelle eingebettet werden.
Die Innovationsspitze wird kleiner und verändert sich
Die Studie macht eine doppelte Verschiebung sichtbar. Die Gruppe der innovationsstarken Unternehmen schrumpft. Gleichzeitig verändert sich ihre Zusammensetzung. Industrielle Kernbranchen verlieren an Gewicht, während wissensintensive Dienstleistungen und die IT-Wirtschaft stärker als technologische Vorreiter auftreten.
Das ist kein Beleg dafür, dass industrielle Unternehmen grundsätzlich an Bedeutung verlieren. Es zeigt vielmehr, dass sich die Orte, an denen neue Lösungen entstehen, verschieben. Technologische Entwicklung verteilt sich auf andere Branchen und verbindet sich stärker mit Wissen, Daten und spezialisierten Dienstleistungen. Für etablierte Unternehmen wird damit die Frage wichtiger, wie sie Zugang zu neuen Kompetenzen und Perspektiven erhalten.
Auch die Art der Neuerungen verändert sich. Grundlegende Innovationen werden seltener. Schrittweise Verbesserungen an Produkten und Prozessen gewinnen an Bedeutung. Solche Verbesserungen können wirtschaftlich sinnvoll sein. Sie sichern Qualität, Effizienz und Anschlussfähigkeit. Wenn sie jedoch zur vorherrschenden Form von Entwicklung werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass daraus neue Märkte oder deutlich veränderte Geschäftsmodelle entstehen.
Technologieverbreitung und Innovationsdynamik laufen dabei auseinander. Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen, das Internet der Dinge, Cybersecurity sowie virtuelle und erweiterte Realität gewinnen branchenübergreifend an Bedeutung. Anspruchsvollere Deep Tech und Green Tech Anwendungen bleiben hingegen stärker auf wenige technologisch leistungsfähige Unternehmen konzentriert.
Diese Entwicklung legt eine wichtige Unterscheidung nahe. Eine Technologie kann sich verbreiten, ohne dass die Innovationsfähigkeit insgesamt zunimmt. Ihre Nutzung ist zunächst ein Zeichen von Anschlussfähigkeit. Sie sagt noch wenig darüber aus, ob ein Unternehmen daraus eigene neue Angebote, Verfahren oder Geschäftsmodelle entwickelt. Zwischen Zugang und Wirkung liegt die Fähigkeit, Wissen in der Organisation zu verankern.
Technologie braucht organisatorische und soziale Voraussetzungen
Die Studie verweist deshalb auf Faktoren, die in technischen Debatten oft weniger Aufmerksamkeit erhalten. Unternehmen mit einer klaren Innovationsstrategie, guter interner Abstimmung, gezielten Kooperationen und systematischer Kompetenzentwicklung erzielen bessere Ergebnisse. Diese Faktoren stehen nicht neben der Technologie. Sie bestimmen mit, ob Technologie überhaupt produktiv werden kann.
Eine Strategie schafft dabei zunächst eine gemeinsame Richtung. Sie verbindet technologische Möglichkeiten mit den Fragen, die für ein Unternehmen wirtschaftlich relevant sind. Ohne diese Verbindung bleibt Entwicklung leicht bei Einzelprojekten stehen. Dann entstehen Versuche, Pilotanwendungen oder Verbesserungen, die keinen dauerhaften Platz in der Organisation finden.
Auch interne Abstimmung ist mehr als eine Frage effizienter Abläufe. Neue Lösungen berühren häufig mehrere Bereiche eines Unternehmens zugleich. Wissen aus Entwicklung, Markt, Produktion und Management muss zusammenkommen. Wo diese Perspektiven getrennt bleiben, wird aus technischer Möglichkeit schwer eine tragfähige Anwendung. Die Studie beschreibt Organisation damit als einen Teil der Innovationsleistung und nicht als bloße Begleitung.
Kompetenzentwicklung wirkt in eine ähnliche Richtung. Digitale Schlüsseltechnologien verbreiten sich, doch ihre Nutzung verlangt Verständnis für Chancen, Grenzen und wirtschaftliche Konsequenzen. Dieses Wissen entsteht nicht automatisch durch den Kauf einer Lösung. Es entwickelt sich über Erfahrungen, Austausch und die Fähigkeit, technologische Entwicklungen mit dem eigenen Geschäft zu verbinden.
Gerade hier wird die Bedeutung von Start-ups, Wissenschaft, Kunden und Lieferanten sichtbar. Die Studie zählt diese Verbindungen ausdrücklich zum Innovationsinput. Sie erweitern den Blick eines Unternehmens und bringen Wissen an Orte, an denen es sonst möglicherweise nicht ankommt. Für Start-ups eröffnet Zusammenarbeit Zugang zu konkreten Anwendungsfeldern. Für etablierte Unternehmen entsteht Zugang zu neuen Perspektiven und spezialisierten Kompetenzen.
Aus der Arbeit mit Gründerteams kennen wir diese Spannung. Eine technische Lösung kann überzeugend sein und trotzdem keinen Weg in die breite Anwendung finden. Entscheidend ist, ob ein gemeinsames Verständnis für den wirtschaftlichen Nutzen, die nötigen Kompetenzen und die Verantwortung im Unternehmen entsteht. Zusammenarbeit ist damit kein Zusatz zu Innovation. Sie ist ein Teil ihrer Entstehungsbedingungen.
Transfer entscheidet über die wirtschaftliche Wirkung
Die Studie sieht auch im Forschungs und Innovationssystem Handlungsbedarf. Genannt werden eine bessere Verbindung von Forschungsförderung und industrieller Anwendung, niedrigschwellige Zugänge zu Schlüsseltechnologien, Testinfrastrukturen und eine breitere Stärkung technologischer Kompetenzen. Dahinter steht ein bekanntes Muster. Wissen ist vorhanden, doch der Weg von der Entwicklung zur Anwendung bleibt für viele Unternehmen schwierig.
Transfer scheitert dabei nicht zwingend an fehlender Qualität. Häufig liegt die Herausforderung in den Übergängen. Forschung arbeitet mit anderen Zeithorizonten als Unternehmen. Start-ups entwickeln Lösungen unter anderen Bedingungen als etablierte Mittelständler. Zwischen diesen Akteuren fehlen oft gemeinsame Räume, in denen Anforderungen, Möglichkeiten und wirtschaftliche Perspektiven zusammengeführt werden.
Testinfrastrukturen können diese Distanz verringern, weil sie Anwendung unter realitätsnahen Bedingungen ermöglichen. Niedrigschwellige Zugänge zu Technologien reduzieren zugleich die Hürde für Unternehmen, die eigene Erfahrungen aufbauen wollen. Beides ersetzt keine strategische Verankerung. Es schafft jedoch Bedingungen, unter denen Wissen aus Forschung und Technologieentwicklung überhaupt in die Breite gelangen kann.
Für ein Innovationsökosystem wie das am südlichen Oberrhein ist deshalb die Qualität der Verbindungen entscheidend. Ein Netzwerk besteht nicht schon dadurch, dass Akteure nebeneinander existieren. Wirkung entsteht, wenn Unternehmen, Wissenschaft und Start-ups an konkreten Fragestellungen zusammenarbeiten und ihre unterschiedlichen Stärken miteinander verbinden. Plattformen wie der BadenCampus sind in diesem Zusammenhang vor allem als Orte interessant, an denen solche Verbindungen entstehen können. Ihre Bedeutung liegt weniger in einzelnen Veranstaltungen als in der Möglichkeit, unterschiedliche Logiken dauerhaft miteinander ins Gespräch zu bringen.
Die rückläufige Innovationsstärke der deutschen Unternehmen ist damit auch eine Frage der Breite. Eine kleine Gruppe technologisch leistungsfähiger Unternehmen kann wichtige Impulse setzen. Für die Wettbewerbsfähigkeit eines Standorts reicht es auf Dauer jedoch nicht, wenn Wissen, Kompetenzen und neue Lösungen auf wenige Akteure konzentriert bleiben.
Die Studie macht deutlich, dass technologische Verbreitung und wirtschaftliche Erneuerung auseinanderfallen können. Innovationsfähigkeit hängt an strategischer Klarheit, interner Zusammenarbeit, Kompetenzentwicklung und belastbaren Verbindungen nach außen. Wo diese Elemente zusammenkommen, kann aus Wissen Anwendung werden. Wo sie fehlen, bleibt Technologie oft punktuell.
Die zentrale Bedeutung der Ergebnisse liegt deshalb in einer Verschiebung des Blicks. Die Frage lautet weniger, welche Technologie als Nächstes verfügbar ist. Entscheidend ist, ob Unternehmen und ihr Umfeld die Voraussetzungen schaffen, damit neue Lösungen in der Breite Wirkung entfalten. Genau dort entscheidet sich, ob aus technologischer Entwicklung Wettbewerbsfähigkeit und aus Zusammenarbeit wirtschaftlicher Fortschritt entsteht.
Quelle: Bertelsmann Stiftung